Unverpackt vs. Bio – was ist »besser«?

Eine Gewissensfrage, die bei Diskussionen zum Thema zerowaste häufig aufkommt – die Frage, ob man für Bio-Lebensmittel die Plastikverpackung in Kauf nehmen sollte, oder nicht. Und warum. Eine Antwort lässt sich nur persönlich geben, denn es hängt davon ab, wo ihr einkauft und wie groß euer Budget ist. Unser Ziel ist, zerowaste & lowwaste für jeden zum Thema zu machen. Deswegen müssen auch Lösungen des Verpackungsproblems für menschlich unterschiedliche Ausgangssituationen persönlich gedacht werden.

Bio glänzt, oft leider (nicht) mit der Verpackung

Nehmen wir eins vorweg: Die beste Option wird in den meisten Fällen (nicht in allen) unverpackt und bio sein. Die Möglichkeit, so einzukaufen, gibt es unter anderem auf dem Markt, in Hofläden, vielen Bio-Läden und Unverpacktläden. In Supermärkten besteht leider nach wie vor oft das Problem, dass Bio-Lebensmittel zur Differenzierung gegenüber konventionell erzeugten Lebensmitteln eingeschweißt werden.

Jetzt ist die Frage, was man tun soll, wenn man vor die Wahl »Bio oder unverpackt?« gestellt ist. Das Problem hiermit ist: Es klingt wie eine unvermeidbare Prinzipienfrage. Als ob es ein omnipräsentes Alltagsproblem wäre. Und klar, wer kennt es nicht: Gerade als Zerowaste-Einsteiger möchte man direkt loslegen, einfach tun, was man kann. Vielleicht geht man erstmal dort weiter einkaufen, wo man schon immer einkaufen war: im Supermarkt. Und da sucht man nun relativ verzweifelt nach unverpackten Alternativen. Sicher, man hat auch schon gehört, dass Bio gut wäre, aber irgendwie ist das doch alles plastikverpackt. Was nun?

Einkaufen im Supermarkt: Entweder-oder. Bio oder unverpackt? – Das ist nicht die richtige Frage und auch nicht der richtige Ort.

Das Problem ist: Das ist nicht die richtige Frage und auch nicht der richtige Ort. Eine Ausnahme: Man hat wirklich keine andere Möglichkeit als im Supermarkt einzukaufen, etwa weil man in einer Versorgungswüste lebt, in der es keine Alternativen gibt.

Für alle anderen Fälle ist die Antwort: Kauf woanders ein.

Und zwar da, wo es Bio-Lebensmittel in umweltfreundlicherer Verpackung oder unverpackt gibt. Plane den Weg zu diesen Läden in dein Leben ein und überlege, wie du dich gut organisieren kannst. Lege Vorräte an und kaufe Dinge, die sich gut lagern lassen, in Mengen, die lange reichen.

Bio vs. Budget

Ein weiterer wichtiger Punkt ist deine finanzielle Situation. Im täglichen Studentenleben kann es total schwer sein, noch Geld für »gutes Essen« aufzubringen. Wenn für dich also gerade Bio einfach nicht drin ist, dann konzentriere dich auf das, was im Vergleich zu deiner sonstigen Lebensweise einen Unterschied macht. Und nicht darauf, morgen Bea Johnson mit ihrem leeren Müll-Einmachglas alt aussehen zu lassen.

Aus dieser Perspektive wird nämlich schnell klar, dass »unverpackt aber nicht bio« sehr wohl eine Verbesserung sein kann. Lass die Verpackungen weg, wo du kannst. Effektiv hinterlässt du so weniger Müll in der Umwelt. Auch das ist ein wichtiger Beitrag, denn die unverpackten konventionellen Lebensmittel sind den verpackten konventionellen Lebensmitteln auf jeden Fall vorzuziehen.

Solltest du doch einmal vor der Frage »Entweder schlecht verpackt oder nicht bio?« stehen, dann nimm lieber das Bio-Lebensmittel, dafür aber in der größtmöglichen Packung. Damit verringert sich der Materialverbrauch pro Warenanteil und auch das ist schon mal gut. Dabei kannst du noch versuchen, Umverpackungen zu vermeiden. Etwas, das bereits eingeschweißt ist, benötigt keinen hübschen Pappkarton. Du wirst schnell selbst merken, welche Produkte mehr und welche weniger aufwändig verpackt sind. Bei der Kaufentscheidung ist es dann vor allem wichtig, kurz nachzudenken und nicht pauschal zu entscheiden. Ein gutes Produkt (fair, bio, lokal hergestellt) abzulehnen, obwohl es keine vergleichbare Alternative gibt, nur weil es plastikverpackt ist, ist nicht sinnvoll.

Jeder hat sein eigenes Tempo

Auch ist es wichtig, sich immer wieder klar zu machen: Es ist ein Prozess. Niemand profitiert davon, wenn du von heute auf Morgen frustriert im Supermarkt stehst und nicht weißt, was du noch kaufen sollst, weil du dich total spontan entschieden hast, dass Verpacktes jetzt tabu ist.

Das ganze Thema nach und nach anzugehen, auch wenn das mit dem Idealismus interferiert, ist besser. Es gibt Zeit zum Nachdenken, Lösungen suchen und zum Austausch mit Anderen. Zerowaste hat eine große Community mit vielen guten (und leider auch einigen bescheuerten) Ideen. Nutze sie! Nach und nach kannst du mehr Bio kaufen und auch die Produkte finden, bei denen das Thema für dich besonders wichtig ist. Du kannst selber Kochen lernen und über Fleischverzicht nachdenken. Was du am Ende machst, und wie viel »besser« das für die Umwelt ist als das, was du davor gemacht hast, musst du lernen selbst zu beurteilen. Aber es gibt viele Möglichkeiten und bio kaufen muss nicht die einzige und vor allem nicht die erste sein.

Das erste, was du tun solltest, wenn du weniger Müll produzieren und gleichzeitig umweltfreundlich leben willst, ist erst einmal nachzudenken, was die ökologischen Hauptprobleme in deinem Alltag sind, und welche davon du sofort lösen kannst.

Einwurf: Warum ist ökologische Produktion überhaupt wichtig?

Trotzdem nun noch ein Wort zur Motivation. Denn es ist, wie oben angemerkt, in den meisten Fällen eine gute Sache, bio einzukaufen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits geben Öko-Siegel bestimmte Vorgaben vor, die im konventionellen Landbau oder der Tierzucht so überhaupt nicht existeiren. Andererseits werden andere Methoden verwendet, umweltschonender gewirtschaftet und in der Bio-Viehzucht spielt das Tierwohl eine Rolle, auch wenn man über die Reglementierungen und die Umsetzung sicher streiten kann.

Weiterführende Links
📄 Übersicht zu Unterschieden von verschiedenen Bio-Siegeln für die Fleischproduktion
📄 Ausführliche Auflistung der Unterschiede von Öko-Landbau zu konventionellem Landbau

Für mich ist das stärkste Argument für Bio der Verzicht auf Pestizide und der damit einhergehende Schutz der Biodiversität, u.a. der Bienen. Wenn man Bio kauft, hat man irgendwo direkten Einfluss darauf, wie viele Pestizide verwendet werden. Auch wenn es schwer ist, hochzurechnen, ob und ab wann theoretisch eine Grundversorgung mit Bio-Lebensmitteln in unserer Gesellschaft machbar wäre, ist eine prozentuale Steigerung des Bio-Anbaus zum jetzigen Zeitpunkt definitiv erstrebenswert. Man sollte hier nicht in eine Absolutismen-Diskussion verfallen à la »Die ganze Menschheit könnte doch vom Bio-Anbau ernährt werden«. Mag sein, das ist aber aktuell gar nicht die Diskussion.

Die eigentliche Frage ist doch: Profitiert die Umwelt aktuell von mehr Bio-Anbau oder nicht?

Die eigentliche Frage ist: Profitiert die Umwelt aktuell von mehr Bio-Anbau oder nicht? Und die Antwort hierauf ist: Ja. Denn im Moment haben wir an ökologisch genutzter Fläche in Deutschland unter 10% (Stand: 2018, Quelle). Dieser Anteil wächst eher langsam, so dass er sich in 10 Jahren nicht einmal verdoppelt hat (aber immerhin ver-1,7-facht). In der gesamten Welt hat sich die Öko-Anbaufläche in dieser Zeit ver-2,2-facht (Grafik) und ist speziell in den letzten Jahren stark angewachsen. Das ist erstmal gut.

Aber was sagen diese Zahlen aus? Zum einen, dass neue Öko-Landbaufläche dazu kommt, zum anderen aber auch, dass lokal noch Einiges passieren darf. – Was die Zahlen nicht verraten, ist, ob Öko-Landbau konventionellen Landbau verdrängt, und wie viele Betriebe bereits ökologisch(er) wirtschaften, aber nicht zertifiziert sind.

Das herauszufinden ist auch gar nicht so einfach. Im Alltag erschließt es sich oft nur aus dem direkten Kontakt. Sonst müsste man viel recherchieren und nachfragen. Und das ist für die meisten Menschen eine große Hürde. Auch, wenn diese Idee also sehr löblich ist – zu wissen, was man isst – ist sie weit weit weg vom Leben und Denken der allermeisten Verbraucher.

Was kann man also tun, wenn man nicht die Zeit hat, sich zu informieren? Mein Tipp ist, zB. mal auf dem Markt zu fragen. Die Händler wissen oft sehr gut, wo ihre Produkte her kommen und wie es an den Höfen zugeht. Viele verkaufen sogar ihre eigenen Produkte. In Gesprächen mit Händlern fiel mir auf, dass manche Höfe nicht bio gelabelt sind, aber trotzdem ressourcenschonender oder tierfreundlicher als »konventionelle« Großbetriebe arbeiten. In einem Hofladen wurde mir erklärt, dass die Tiere des Hofs aufgrund von Wasserschutzbestimmungen nicht auf die Weide dürfen, dafür aber täglich gestreichelt würden, und in einem großen Stall viel Bewegungsfreiheit hätten. Ähnliches höre ich oft und konnte mich zum Teil sogar vor Ort schon davon überzeugen. Ich will damit sagen, dass es meiner Meinung nach nicht nur »Bio« oder »vollkommen unzumutbar« gibt, sondern viele Facetten. – Und auch: Wer wirklich unsicher ist, der sollte sich auf jeden Fall selbst informieren.

Fazit für den Alltag

Zusammenfassend kann man vielleicht sagen: Bio ist grundsätzlich ein Beitrag zum Artenschutz und hat darüber hinaus viele andere Vorteile, die beim konventionellen Anbau oder der Tierzucht nicht gegeben sind, oder überhaupt nicht kontrolliert werden.

Alles in allem sollte man aber auch immer die gesamte eigene Ökobilanz und die persönlichen Grenzen betrachten. Wer sich kein Bio leisten kann, tut ganz sicher gut daran, wenigstens unverpackt einkaufen zu gehen. Wichtig ist: Bio ist nicht der einzige Beitrag, der zählt, aber doch einer der am leichtesten zugänglichen. Grundsätzlich sollte man also versuchen, so oft wie möglich bio (und unverpackt oder plastikfrei) zu kaufen. Wenn das nicht geht, ist es empfehlenswert, immer dann wenigstens unverpackt oder umweltfreundlich verpackt zu kaufen, wenn man sowieso kein Bioprodukt kaufen würde. Auch das stellt dann ja eine Verbesserug gegenüber dem eigenen Normal dar.

Was man im Einzelnen tun kann, ist eine Frage der persönlichen Bereitschaft und Machbarkeit. Und die können wir uns alle nur selbst beantworten. Von einem schlechten Gewissen haben weder wir selbst noch die Natur etwas. Was statt dessen zählt, ist jede einzelne Verbesserung im Vergleich zu dem, was vorher war.

Leseempfehlung
Ein paar gute Denkanstöße zu Biodiversität sind auch in diesem SZ-Artikel kurz und knapp erklärt.

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